Der Emser Erlass aus dem Mai 1876 – 150 Jahre später

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Bild steht unter Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International Lizenz. Bild von Dario Aralezo
Ein Gastbeitrag von Michael Moser .

Eines kann man der russländischen Propaganda nicht absprechen: Trotz ihrer Verlogenheit ist sie oft auch in unseren Breiten höchst erfolgreich: Wie häufig hören wir – unwidersprochen –, dass die russische Sprache in der Ukraine verboten sei? Wie häufig, dass weite Teile der Ukraine ohnedies russisch seien? Dass die Krim immer russisch gewesen sei? Und dergleichen Unsinn mehr…

Ich fasse mich kurz: Das Russische wurde in der Ukraine niemals verboten und erklingt dort immer noch häufig. Nicht nur ich informiere mich über die Ereignisse und Debatten aus der Ukraine zu einem guten Teil auf Russisch, wenngleich ich das Ukrainische bevorzuge. Von einem Verbot des Russischen kann keinerlei Rede sein: Zur Debatte steht lediglich sein sprachenpolitischer Status. Dass man das Russische in der Ukraine nicht offiziell fördern möchte, hat zahlreiche Gründe, über die wir hier nicht im Detail sprechen können.

Nicht zuletzt handelt es sich um einen Schutzmechanismus gegen eine der gefährlichsten Ideologien der Gegenwart: jene des „Russkij mir“. Mit Bezug auf diesen Ausdruck hört man mitunter aus verklärten Quellen, dass das Wort „mir“ im Russischen sowohl ‘Welt’ als auch ‘Frieden’ bedeute. Das klingt zwar schön und gut, hat aber mit der Wirklichkeit denkbar wenig zu tun. Hören wir doch einfach zu, was Vladislav Surkov, einer der Chefideologen des Putinismus, im Jahr 2021 zum „Russkij mir“ zu sagen hatte:

„Was bedeutet für mich die russische Welt? Das ist überall dort, wo die Menschen Russisch sprechen und denken. Das ist dort, wo sie vielleicht nicht Russisch sprechen und denken, aber wo sie die russische Kultur sehr schätzen. […] Dort, wo die Menschen Angst vor russischen Waffen haben – auch das ist die russische Welt. Das ist unser Einfluss.“ [1]

Schon im Jahr 2001 hatte Putin verkündet:

„Schließlich hat der Begriff ,Russische Welt‘ seit jeher weit über die geografischen Grenzen Russlands und sogar weit über die Grenzen des russischen Volkes hinausgereicht.“ [2]

Nationalistischer und imperialistischer geht es nicht. Stellen Sie sich vor, irgendjemand würde so über irgendeine „deutsche Welt“ sprechen! Die „Nazis“ sind freilich immer die anderen…

Und so kann man über unsere „Russlandversteher“ nur den Kopf schütteln. Genau sie verstehen Russland eben nicht. In der Regel verstehen sie auch kein Russisch. Sie sehen keine russischen politischen Sendungen, lesen keine russischen Zeitungen. Sie träumen allerdings von irgendeiner mythischen „russischen Seele“ und folgen russländischen Geschichtsmythen. Sie nennen jene, die die Ukraine unterstützen, „Kriegstreiber“ und verstehen nicht, dass alle, die bei Trost sind, Frieden wollen. Aber eben nicht um jeden Preis, jenen des „Russkij mir“. Nicht nur den „Russlandverstehern“ fehlt darüber hinaus häufig jegliches Verständnis für die Nachfolgestaaten der Sowjetunion und ihre ehemaligen Satellitenstaaten. Viele wissen nichts über die Ukraine, nichts über Polen, nichts über die baltischen Staaten. All dies ist nicht nur bedauerlich. Es ist brandgefährlich. Auch in unseren Breiten wirkt also die russländische Propaganda. Und zwar auch jene, die sich auf sprachliche Aspekte bezieht und auf die wir uns nun im Weiteren konzentrieren werden:

1. Die russische Propaganda kritisiert die Ukraine traditionell dafür, dass es in der Ukraine nur eine Staatssprache gebe. Sie behauptet, in der Russischen Föderation gebe es hingegen mehrere „Staatssprachen“. Nun, das ist eine Lüge: In Wirklichkeit sind diese so genannten „Staatssprachen“ im besten Fall Minderheitssprachen, deren ohnedies begrenzte und oft nur auf dem Papier bestenden Rechte noch dazu zunehmend eingeschränkt werden. Daher betrifft auch das „Gesetz über die Staatssprache der Russischen Föderation“ aus dem Jahr 2005 natürlich keine andere Sprache als Russisch. Übrigens wissen nur wenige, dass sowohl das Ukrainische als auch das Krimtatarische auf der im Jahr 2014 annektierten Krim bis heute nominell den Status von „Staatssprachen“ genießen. Dasselbe galt temporär auch für die so genannten „Volksrepubliken“ Donec’k und Luhans’k. Wenn Sie es nicht wussten, machen Sie sich nichts daraus! Denn konkret bedeutet das – gar nichts! Wenn nämlich irgendwo im postsowjetischen Raum eine Sprache wirklich verboten ist, dann ist es das Ukrainische in den derzeit von Russland annektierten Gebieten. Wer dort Ukrainisch spricht, ist seines Lebens nicht sicher.

2. Russland kritisierte die Ukraine jahrelang dafür, dass sie die Europäische Charta für Regional- oder Minderheitensprachen nicht berücksichtige, und pochte auf diese, um das Russische in der Ukraine zu unterstützen. Das Russische war aber in der Ukraine per definitionem nie eine Regional- oder Minderheitensprache. Dennoch war die Propaganda zwischenzeitlich erfolgreich, und das Russische wurde unter dem Schutz der Charta gefördert. Russland selbst hatte die Charta im Übrigen signiert, allerdings niemals ratifiziert. Wie aber steht es – davon abgesehen – um die Rechte der ukrainischen Sprache in der Russischen Föderation, auch außerhalb der temporär annektierten Gebiete? Hand aufs Herz: Wussten Sie, dass die Ukrainerinnen und Ukrainer traditionell die zweitgrößte Minderheit in der Russischen Föderation darstellen (nach den TatarInnen)? Haben Sie in irgendeiner Dokumentations- oder Diskussionssendung schon irgendwann einmal irgendetwas von der Wahrung der ukrainischen Nationalitäten- oder Sprachen¬rechte in der Russischen Föderation gehört? – Ich nicht.

3. Ganz klar: Die russische Sicht auf die ukrainische Sprache ist traditionell schlichtweg unerträglich. Das erste explizite Sprachenverbot aus dem Jahr 1863, der Erlass des damaligen Innenministers Petr Valuev („Valuev-Zirkular“), hatte noch die Entwicklung einer Sprache verboten, die es – so der Wortlaut – „nicht gab, nicht gibt und nicht geben kann“. Genau das ist russische imperiale Logik in ihrer reinsten Form: verlogen, grausam und dabei auch noch absurd.

4. Der Emser Erlass, den Zar Alexander II. im Mai 1876, vor genau 150 Jahren, unterzeichnete, verschärfte die vorhergenden Verbots-bestimmungen auf brutalste Art und Weise. Im Erlass ist vom „kleinrussischen Dialekt“ die Rede, dessen öffentlicher Gebrauch nun vollends unterbunden werden sollte. Verboten war fortan die Veröffentlichung jeglicher ukrainischsprachiger Literatur sowie die Einfuhr ukrainischsprachiger Werke aus dem Habsburgerreich – jenem „Völkerkerker“, in welchem freilich das Ukrainische – und nicht nur dieses – weitgehend frei ausgebaut werden konnte. Erlaubt war lediglich der Druck historischer und folkloristischer Dokumente, und auch dies nur „ohne Abweichung von der gemeinrussischen Orthographie“. Eine Zeitung, in der sich die ukrainischen Erneuerer sammelten (der „Kievskij Telegraf“), wurde kurzerhand geschlossen. Verboten wurden des Weiteren szenische Darstellungen, Liedtexte sowie öffentliche Lesungen. Zuständig dafür war das Innenministerium. Das war aber noch nicht alles… Das Ministerium für Volksbildung sollte nämlich indes dafür sorgen, dass keinerlei Unterricht „im kleinrussischen Dialekt“ erfolge und dass die Bibliotheken von unerlaubter ukrainischsprachiger Literatur „gesäubert“ würden. Sämtliche Lehrpersonen in den Gubernien Charkiv, Kyjiw und Odesa, die „ukrainophiler Tendenzen“ verdächtigt wurden, sollten in ethnisch russische Gubernien versetzt und durch Lehrpersonen aus den russischen Gebieten ersetzt werden. Außerdem sollte die Kyjiwer Abteilung der Kaiserlichen Geographischen Gesellschaft „auf unbestimmte Zeit“ geschlossen werden. Im Zuge der Neueröffnung sollten dann sämtliche Personen entlassen, die „in irgendeiner Weise Zweifel an ihrer [Achtung!] rein-russischen Ausrichtung“ aufkommen ließen.

Schließlich und endlich sollte die berüchtigte „Dritte Abteilung“, also die zarische Geheimpolizei, die beiden ukrainischen Intellektuellen Mychajlo Drahomanov und Pavlo Čubyns’kyj des Landes verweisen, da es sich bei ihnen um „unverbesserliche und im Land nachweislich gefährliche Agitatoren“ handle.

In einer Zeit, in der zahlreiche europäische Sprachen erfolgreich zu Standardsprachen ausgebaut wurden, unternahm man somit im Mai 1876 mitten im schönen Bad Ems alles, um die Entwicklung der ukrainischen Sprache zu unterbinden, sie abzutöten. In der Folge diffamierte man das Ukrainische je nach Bedarf entweder als „Bauernsprache“ oder aber, wenn sie denn doch unzweifelhaft ausgebildet war, als Sprache „ukrainischer Nationalisten“. Vor allem aber argumentierte man weiterhin, dass die ukrainische Sprache eigentlich gar nicht existiere und ohnedies nur „ein russischer Dialekt“ sei. Auch in unseren Breiten übernahmen die „Russlandversteher“ diese Sicht bis vor Kurzem weitgehend. Sie nahmen auch die Ukraine als Staat nicht wahr, geschweige denn ernst.

Die Ukrainerinnen und Ukrainer sind nicht unterzukriegen. Auch ihre ukrainische Sprache lassen sie sich nicht nehmen. Da mögen die Zaren und ihre vermeintlichen Erben verfügen, was sie wollen…

Dieser Artikel ist im Original am 04.06.2026 auf der Facebook-Seite von Michael Moser erschienen. Professor Michael Moser ist ein weltweit bekannter Slawist und Universitätsprofessor für slavische Sprachwissenschaft und Textphilologie an der Universität Wien und an der Ukrainischen Freien Universität in München.
Quellen:
[1] https://tsn.ua/ru/lady/news/obschestvo/arhitektor-russkogo-mira-kto-takoy-vladislav-surkov-i-pochemu-putin-ego-prizhal-k-nogtyu-2041177.html
[2] http://kremlin.ru/events/president/transcripts/21359
Avatar photo Die Eskalation des Krieges am 24.Februar 2022 hat alles verändert. Auch diese Seite und über was wir schreiben. Wir schreiben weiter über die Ukraine, was war, was ist und was wieder wird, wenn der Feind besiegt ist.
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