Bad Burnas (Lebedivka/Лебедівка) Das Kur- und Seebad der Bessarabiendeutschen

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Ein Gastbeitrag von Werner Schabert.

Nachdem das ehemals deutsch-bessarabische Kerngebiet über mehrere Tage intensiv besucht wurde, viele von deutschen Kolonisten gegründete Orte erkundet, Bekanntschaften mit heutigen Bewohnern geschlossen oder erneuert wurden, man sich in den jeweiligen Heimatdörfern auf Spurensuche der Eltern oder Großeltern begeben hatte, ist nun eine Erholungspause geplant. Wir fahren an das Schwarze Meer, genauer gesagt an einen Ort, der 1925 von Deutschen gegründet wurde – Bad Burnas, dem legendären See- und Kurbad der Bessarbiendeutschen, das heute den russischen Namen Lebedivka trägt, was Schwanendorf bedeutet. „Lebed“ der Schwan. Auch gibt es in unmittelbarer Nähe ein sehr empfehlenswertes Weinwerk, das gar köstliche Weine keltert und den ortsbezogenen Namen „Swansland“ trägt.

Von Basyrjamka kommend erreichen wir nach 6 Kilometern dieses Kleinod am Schwarzmeer. Oberhalb des Meeres auf der Steilküste haben wir unser Domizil in einer modern ausgestatteten Bungalowanlage. Die Häuser sind alle mit Dusche, Klimaanlage, TV, Eisschrank und einer Terrasse ausgestattet und sind keine 100 Meter vom Meer entfernt. Eine Treppe führt direkt zum kilometerlangen Sandstrand. Einige Informationen über den Kurort Lebedivka (ehemals Bad Burnas):

Der Ort Lebedivka gehört zur Gemeinde Tuzly, befindet sich im Bezirk Tatarbunar und gehört zur Region Odessa. Das Gebiet zwischen der Schwarzmeerküste und dem Burnas-Liman wurde erst kürzlich zum Nationalreservat “Tuzlov-Mündung” ernannt. Dies geschah unter anderem auch wegen der reichen Flora und Fauna dieser einzigartigen Landschaft. Schwäne, Enten, Möwen, Pelikane, Flamingos, Delfine – sie alle erfreuen das Auge an diesem gesegneten Ort. Im August können Sie abends und nachts ein wunderschönes und faszinierendes Phänomen beobachten - das Leuchten von Plankton. Ein aufregender Anblick.

Die Tuzlov Limane sind eine einzige Wasserfläche mit einer Größe von mehr als 200 Quadratkilometern, die durch eine 52 Kilometer lange Landzunge vom Meer getrennt ist. Das Wasser in den Limanen verdunstet wegen der geringen Wassertiefe von ca. 2,50 Metern und daher ist die Salzkonzentration in ihnen fast doppelt so hoch wie im Meer - etwa drei Prozent. Kommerzielle Seefische, hauptsächlich aus der Familie der Meeräschen, nutzen das garnelen- und algenreiche Mündungsgebiet zur Ernährung und zum Laichen. An der tiefsten Stelle, auf dem 24. Kilometer der Landzunge, in der Region Shagani, sind die Mündungen durch einen schmalen Kanal mit dem Meer verbunden. Der Durchbruch ist etwa sechzig Meter breit. Im Frühjahr passieren Seefische diesen Kanal und kommen zum Laichen und Fressen in den Liman. Im Herbst kehren riesige Fischmassen in das frische Meerwasser des Schwarzmeeres zurück. Der Salzsee ist auch für Besucher geeignet, die ihre Gesundheit verbessern und die schonende wirksame Naturkosmetik verwenden möchten. Ein weiterer unbestrittener Vorteil des Resorts ist ein Mischwald (Nadel- und Laubwald), der vor mehr als einem halben Jahrhundert gepflanzt wurde. Sein Hauptmerkmal liegt in der Komposition von Bäumen und Sträuchern, die speziell ausgewählt wurden, um den Blutdruck zu harmonisieren. Dank natürlicher Faktoren wie Heilschlamm, Meerwasser und Luft, Kiefern- und Laubwald, kommen Menschen hierher, um Blutdruck, Gelenkerkrankungen (Muskel-Skelett-System), Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bronchitis, Lungenerkrankungen und Neuralgien zu behandeln. Wenn Bessarabien erwähnt wird, erinnern sich viele sicher an den internationalen Kurort Bad Burnas, benannt nach der heilenden Seemündung, Schlamm, blauem Ton und Sole, die in ihrer Zusammensetzung nur mit den Eigenschaften des Toten Meeres in Israel verglichen werden können. Es gibt auch Hinweise darauf, dass die Sole und der Schlamm des Lake Burnas mit Radon angereichert sind. Radon ist eines der ungewöhnlichsten Gase auf dem Planeten. In der Erdkruste und Atmosphäre ist es in geringen Mengen enthalten, da es im Zerfall von nicht minder seltenem Radium entsteht. In Wasser gelöste Mikrodosen von Radon haben bei bestimmten Erkrankungen eine ausgeprägte therapeutische Wirkung. Radonwasser wirkt entzündungshemmend und schmerzstillend, reduziert die Empfindlichkeit der Nervenenden und hilft den Stoffwechsel zu verbessern, den Tonus des endokrinen Systems zu erhöhen, den Schlaf zu normalisieren und die Herz-Kreislauf-Aktivität positiv zu beeinflussen. Radonbäder und das Schwimmen in stark salzhaltigen Gewässern werden weltweit zur Behandlung von Haut- und Nervenkrankheiten, Gicht und Kreislauferkrankungen eingesetzt. Interessant ist auch, dass schon viele Jahre zuvor im Salzgarten vom Burnas-Liman Salz abgebaut wurde. Die Salzproduktion wurde vor Ort durchgeführt und belief sich auf 40.000 Tonnen pro Jahr. Dafür wurde extra ein provisorischer Hafen gebaut, der 2x in der Woche von der russischen Donau-Schifffahrtsgesellschaft angelaufen wurde um Salz und Getreide nach Odessa und Galatz zu transportieren.

Amtlich sind in Lebedivka offiziell nur 26 Personen registriert (letzte Volkszählung). In den dreimonatigen Sommerferien hat sich der Ort jedoch zu einem Geheimtipp für Strandtouristen und Geschäftsleute entwickelt. Es gibt zwei Lebensmittelgeschäfte, mehrere Restaurants, Bars und Kioske. Außerdem werden frisches saisonales Gemüse und Obst in großer Auswahl angeboten und vermitteln dem Gast einen Besuch auf dem Basar. Am späten Nachmittag und Abend wabern verführerische Düfte durch den Ort. Unzählige Holzkohlegrills offerieren frisch gegrillten Fisch oder leckere Fleischgerichte wie Schaschlik, Wurst und Steaks. Bei einem ausgiebigen Spaziergang auf den gepflegt florierten Wegen oder am nahen Schwarzmeerstrand lassen wir den Tag langsam ausklingen, bevor wir uns von den Geräuschen der ans Gestade schlagenden Wellen in den Schlaf wiegen lassen. Es sind in Bad Burnas noch einige Villen und Gebäude aus der Gründungsphase nach 1925 erhalten geblieben, die zwar heute in der Mehrzahl unbewohnt sind, jedoch dem interessierten Besucher den Eindruck der deutschen Erbauungsphase recht eindrücklich vermitteln. Leider bietet sich dem alljährlich wiederkehrenden Besucher fast in jedem Jahr ein neuer Eindruck der geografischen Situation. Aufgrund der massiven Winterstürme und dem offenen Strand zum Meer hin, graben sich die Naturgewalten Meter für Meter in die Steilküste ein. In den letzten fünfzig Jahren rutschten auf Grund der nicht befestigten Uferanlagen ca. 120 Meter der Steilküste mit den darauf stehenden Häusern, Wegen und Bäumen ins Meer. Trotz vieler Widrigkeiten entwickelte sich das See- und Kurbad nach der Eröffnung im Jahre 1925 prächtig. Es kamen eine modern eingerichtete Badeanstalt, ein großes Gästehaus, sowie mehrere Gaststätten, Pensionen, Fremdenheime und ansehnliche Villen hinzu, die alle mit schönen, reich blühenden Blumengärten umgeben waren. Großzügig angelegte Promenaden bepflanzt mit grünen Sträuchern und schattenspendenden Bäumen luden zum Ruhen und Rasten ein. Familien und Erholungssuchende aus ganz Bessarabien, aus Siebenbürgen und anderen Landesteilen Rumäniens, sogar aus Deutschland kamen nach Bad Burnas um zu kuren oder auch nur um die Sommerfrische und das Meer zu genießen. Manchmal waren sie mit Kutsche und Pferdewagen mehrere Tage unterwegs um ihre Ferienzeit an diesem schönen Ort zu verbringen. Wer Bad Burnas kennengelernt hatte, kam immer wieder.

Unsere Reisegruppe trifft sich am nächsten Morgen gut erholt im Restaurant dieser schönen Anlage. Nach einem herzhaften Frühstück mit einem guten Kaffee werden verschiedene Vorschläge diskutiert, diesen Tag individuell sinnvoll zu gestalten. Eine klare Entscheidungshilfe dabei ist sicherlich der wolkenlose Himmel mit der schon jetzt dominierenden Sonne. Samanta möchte ihre Muschelvorräte auffrischen. Drei Gäste wollen sich uns anschließen und so marschieren wir in Badekleidung, Hut, Rucksack mit Proviant, Sonnencreme und viel Wasser auf der Steilküste Richtung Süden. Wir kommen vorbei an den inzwischen fast verfallenen Nurdachhäusern der sowjetischen Pioniere und Jungsportler, besichtigen einige marode Villen aus der deutschen Zeit, die irgendwann von den Nachbesitzern dem Verfall preisgegeben wurden. Erfreulicherweise sind einige wenige Villen noch gut erhalten und werden zumindest im Sommer auch genutzt. Die Steilküste läuft nun langsam aus und mündet in eine 52 Kilometer lange Landzunge (Nehrung), die das Schwarze Meer von den Limanen trennt. Wir gehen barfuß auf der Meerseite, genießen den leichten Seewind und erfrischen unsere Füße im Meerwasser. Die Nehrung ist hier noch recht breit, verjüngt sich aber nach und nach. Nach ca. tausend Metern passieren wir die alte Fischfabrik, die man um die Jahrtausendwende wegen Unrentabilität geschlossen hat, da aus ökologischen Gründen kein Fisch mehr aus dem Liman gefangen werden durfte. Aus dem Managerhaus der Fischfabrik wurde ein luxuriöses Appartementhaus. Man hat aus den Wohnungen einen grandiosen Ausblick auf Liman und Schwarzmeer und steht schon seit längerer Zeit auf meiner Wunschliste.

Wir gehen weiter, springen zwecks Abkühlung kurz ins Meer, pausieren eine halbe Stunde und marschieren weiter. Kein Mensch ist mehr zu sehen, dafür finden wir aber die schönsten Muscheln. Samanta kann sich ob der riesigen Auswahl gar nicht entscheiden. Am schönsten sind die spiralförmigen Rapana-Muscheln. Es gibt einen Plan, der durch die Corona-Pandemie vorerst ausgebremst wurde. Die Nehrung endet etwa bei Prymorske, einem Seebad 16 Kilometer von Wylkowe im Donaudelta entfernt. Der Marsch würde grob geschätzt vier Tage dauern. Es wäre nicht meine erste Wanderung in Bessarabien. Sollte jemand Interesse zeigen, sich an dieser Wanderung zu beteiligen, darf er/sie mich gern ansprechen. Am späten Nachmittag sind wir wieder zurück. Ich mache es mir auf einer gemütlichen Außenliege in der Hotelanlage gemütlich und träume von dem Abendessen, das ich mir heute im Restaurant „Chateau Safran“ bestellen werde. Es ist schon reserviert. Am 28. Juni 1940 landete ein russisches Wasserflugzeug auf dem benachbarten Salzsee von Basyrjanka. Dies war der erste Kontakt mit den sowjetischen Soldaten. Bad Burnas wurde zur militärischen Sperrzone erklärt, so dass in diesem Sommer, schon auf Grund der bevorstehenden Umsiedlung, sowie der sowjetischen Besetzung das Badeleben schlagartig endete. Im Herbst war die Stunde des Abschiedes für die Deutschen aus Bessarabien gekommen. Wie viele andere deutsche Dörfer in Bessarabien, blickte auch Bad Burnas nun einem ungewissen Schicksal entgegen. Es gibt auch Informationen, dass die deutsche Wehrmacht während des Zweiten Weltkriegs zwischen 1941 - 1944 ihre verwundeten Piloten hier im wieder besetzten Bad Burnas behandelten. 1947 änderte die sowjetische Regierung den offiziellen Namen des Kurbades Bad Burnas in Lebedivka. Fazit: Das ukrainische Seebad Lebedivka kann dem Vergleich mit vielen bekannten Badeorten in Süd- und Südosteuropa ohne große Abstriche mittlerweile standhalten. Noch bestehende Nachteile werden durch gutes Preis- und Leistungsverhältnis, die große Gastfreundschaft und die Natürlichkeit der Menschen locker wettgemacht.

Dieser Artikel stammt im Original aus dem Juni 2021 von Werner Schabert. Werner arbeitet engagiert an der Aufarbeitung der Geschichte von Bessarabien.
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